Schlag gegen die Energiewende

Reiches Netzpaket: Schlag gegen die Energiewende

Bürger*innen, Wirtschaft und Klima zahlen die Zeche

erschienen im Parents-Newsletter #48 (April 2026)

Construction Work
Bild: pixabay - Ralph Troeger - construction-work

 

Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche hat am 21. April das sogenannte Netzpaket an die anderen Ministerien zur Ressortabstimmung gegeben. Es gab bereits im Vorfeld massive Kritik von Umweltverbänden aber auch aus der Wirtschaft.

Das Netzpaket enthält Regelungen, mit dem der Ausbau von PV und Windkraft mit dem – schleppenden – Netzausbau besser synchronisiert werden soll. Ministerin Reiche will jedoch nicht vorrangig die Defizite des Netzausbaus angehen, sondern den Ausbau der Erneuerbaren ausbremsen. Schlüsselbegriffe dazu sind neben einer Verbesserung des Anschlussverfahrens die „Ausweisung kapazitätslimitierter Netzgebiete“, ein „Redispatchvorbehalt“ und „Baukostenzuschüsse“.

Einschränkungen in Engpassnetzen

Noch gilt der Grundsatz, dass Netzbetreiber verpflichtet sind, neue Energieanlagen an ihr Netz anzuschließen. Die Netzbetreiber sind dafür verantwortlich, dass die Netze entsprechend ausgebaut werden. Kann der produzierte Strom nicht vom Netz aufgenommen werden, können die Anlagen abgeregelt werden (siehe unten: Redispatch). Die Anlagenbetreiber erhalten für den nicht eingespeisten Strom eine Entschädigung, die als „Redispatchkosten“ Teil der Netzkosten sind.

In Zukunft soll die Pflicht zum Netzanschluss für stark belastete Stromnetze nicht mehr gelten. Dafür können Verteilernetzbetreiber sog. „kapazitätslimitierte Netzgebiete“ für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren ausweisen. Voraussetzung ist, dass im Netzgebiet während des vorangegangenen Kalenderjahrs „erhebliche Abregelungen“ (mehr als drei Prozent) erforderlich waren. Der Anschluss neuer Energieanlagen kann in diesen Engpassnetzen verweigert werden, es sei denn, die Anlagenbetreiber lassen sich auf einen Vertrag mit „Redispatchvorbehalt“ ein: Sie müssen darin einwilligen, dass bis zu 20 Prozent ihres Stroms ohne Ausgleichszahlung abgeregelt werden dürfen, was erhebliche Folgen für die Kostenkalkulation der Anlagenbetreiber hat.

Baukostenzuschuss

Bisher dürfen Netzbetreiber für den Anschluss neuer Anlagen keinen Baukostenzuschuss erheben, da die Kosten der Optimierung, der Verstärkung und des Ausbaus des Netzes ausschließlich vom Netzbetreiber zu tragen sind. Nach den Plänen von Ministerin Reiche sind Netzbetreiber zukünftig berechtigt, einen „angemessenen Baukostenzuschuss“ zu erheben. Diese Regelung gilt nur für Photovoltaik- und Windkraftanlagen. Private Haushalte werden dabei nicht explizit ausgeschlossen.

Wirtschaftliche Basis erschüttert

Der Redispatchvorbehalt in Engpassnetzen verunsichert die Erneuerbaren-Branche massiv. Da der Schwellenwert für die Ausweisung dieser Gebiete mit 3 Prozent sehr niedrig liegt – aktuell werden bundesweit ca. 3,5 Prozent der erneuerbaren Energien abgeregelt – sind zahlreiche Netze von der Regelung betroffen. Eine wirtschaftliche Kalkulation ist kaum möglich, weil nicht absehbar ist, in welchem Umfang produzierter Strom unvergütet bleibt. Selbst beim Start eines Projekts ist nicht klar, ob das Netz während des Projektzeitraums noch als „kapazitätslimitiertes Netzgebiet“ ausgewiesen wird. Das pv magazine urteilt: „Die Herausforderung der Ressourcenknappheit würde damit im Wesentlichen auf die Anlagenbetreiber verlagert, die allerdings selbst keine Lösung für diese Knappheit bieten können.“ Das Beratungsunternehmens enervis hat in einer Kurzstudie ermittelt, dass auf rund zwei Drittel der Fläche Deutschlands Engpassnetze ausgewiesen werden könnten, mit Schwerpunkten in Nord und Ostdeutschland sowie in Bayern. Die Investitionen für zahlreiche kurzfristig realisierbare Projekte sind lt. enervis dadurch gefährdet:

  • Windparks: Gefährdet sind 23 Gigawatt mit ca. 40 Mrd. Euro Investitionsvolumen bis 2030. Das entspricht fast der Hälfte des benötigten Ausbaus an Onshore-Windkraft (50 GW bis 2030).
  • PV-Freiflächenanlagen: Gefährdet sind 9,2 Gigawatt mit ca. 4,9 Mrd. Euro Investitionsvolumen in den nächsten 1-2 Jahren. Das entspricht fast einem kompletten Jahreszubau an benötigten PV-Freiflächen (11 GW nach EEG 2023).

Inkonsistente Energiepolitik

Nimmt man die Netzarchitektur als Ganzes in den Blick, fällt das Urteil noch vernichtender aus. Sinnvoll wäre eine Kombination verschiedener Kraftwerkstypen (Wind, PV, Biomasse) und Großbatterien, die sich ergänzen und netzdienlich Strom liefern können (Bsp.: VSB). Reiches geplante Engpassregelungen können jedoch gerade das Gegenteil bewirken: Enervis weist darauf hin, dass Regionen mit hohem Photovoltaik-Anteil auch neue Windprojekte ausbremsen könnten – und umgekehrt. Das würde beispielsweise den dringend notwendigen Ausbau der Windkraft in Bayern zusätzlich behindern.

Wie sähe eine konsistente Energiepolitik aus? Prof. Michael Sterner und Hans-Josef Fell nennen folgende Komponenten:

  • Einspeisevorrang unbedingt erhalten
  • Netze ausbauen, gemeinsame Netzanschlüsse von Wind, PV, Biogasanlagen und Speichern
  • Netze digitalisieren (Smartmeter) um die Nachfrage besser an das Angebot anzupassen
  • regionale Preissignale setzen, insbesondere durch Einrichtung von Strompreiszonen
  • Speicherausbau, insbesondere Großspeicher
  • Umrüstung der Biogasanlagen von Grundlast- auf Spitzenlastbetrieb, um sie beispielsweise in Dunkelflauten einzusetzen
Reiche likes fussil fuels
Bild: Campact

Wer wird bedient?

Statt die Herausforderungen einer verschleppten Energiewende anzugehen und die Netzinfrastruktur zu ertüchtigen setzt Katherina Reiche auf das Ausbremsen der Erneuerbaren. Die für die Einhaltung der deutschen Klimaziele notwendigen Ausbauziele der Erneuerbaren ignoriert sie. Bedient werden die Interessen der fossilen Lobby, die noch möglichst lange am Gas- und Ölgeschäft verdienen und beim Übergang in die nachhaltige Energieversorgung die Konkurrenz der Bürgerenergie klein halten will (siehe unten: Studie zu Wind und Solar).

Diese Energiepolitik reiht sich ein in weitere klimaschädliche und vorgeblich wirtschaftsfreundliche Maßnahmen wie die Benachteiligung von Dach-PV-Anlagen, das Aus vom Verbrenner-Aus sowie die „Abschaffung“ des Heizungsgesetzes. Damit schaden Reiche und die Bundesregierung nicht nur Bürger*innen und Klima, sondern auch der Wirtschaft. Diese droht – wie bereits in der Vergangenheit bei Photovoltaik und der E-Mobilität – die Technologieführerschaft in weiteren Industriebereichen zu verlieren. Unlängst hat beispielsweise die Chinesische Regierung ihre Strategie zur Eroberung des Wärmepumpenmarktes veröffentlicht.

 

Redispatch

In Stromnetzen kann es aufgrund einer erhöhten Leistungseinspeisung, z. B. durch PV- oder Windkraft-Anlagen, zu einer regionalen Überlastung von Netzkomponenten kommen. Durch die Absenkung der Einspeisung in einem Gebiet bei gleichzeitiger Steigerung der Einspeisung in einem anderen Gebiet – die Leistung im Stromnetz bleibt in etwa gleich – wird eine Überlastung vermieden. Dieser Vorgang der kurzfristigen Veränderung der Lastaufteilung und Kraftwerkseinsatzplanung wird als Redispatch bezeichnet. Die Absenkung der Einspeisung erfolgt beispielsweise durch Abregelung von Windkraft- oder KWK-Anlagen. (Quelle: wikipedia)

 

„Reiche lässt Studie zu Wind und Solar verschwinden“

Der Ausbau erneuerbarer Energien könnte die regionale Wertschöpfung in Deutschland verdoppeln. Das ist das Ergebnis einer Studie dreier Institute, die von der letzten Bundesregierung in Auftrag gegebene wurde. Die Studie wurde auf der Webseite des Wirtschaftsministeriums so gut versteckt, dass sie praktisch nicht auffindbar ist. Die Studie weist zudem auf die Bedeutung regionaler Akteure hin: Damit Kommunen von der Energiewende profitieren können, müssten die Anlagen auch ortsansässigen Investoren gehören, zumindest in Teilen. „Finanzielle Beteiligungsmodelle, Bürgerenergiegesellschaften und kommunale Investitionen könnten dafür sorgen, dass mehr Wertschöpfung vor Ort bleibt und mehr Anwohner und Anwohnerinnen von der Energiewende profitieren“, betont Steven Salecki, Co-Autor der Studie und Volkswirt am IÖW.

Wolfgang Schöllhammer,
Newsletter-Redaktion

Quellen:

 

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