1,5-Grad-Grenze gerissen - und nun?
Perspektiven für einen erfolgreichen Klima-Aktivismus - Teil 2
erschienen im Parents-Newsletter #51 (September 2026)
Wir strampeln uns ab, um an der Basis den Klimaschutz voranzubringen, um den zukünftigen Generationen einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen, und die da oben grätschen uns heftigst zwischen die Beine. Macht uns das ohnmächtig oder können wir trotz allem voller „aktiver“ Hoffnung sein? Welche Rolle kann die/der Einzelne im großen Räderwerk spielen? Wie können wir „von unten“ gesellschaftliche Prozesse in Gang setzen? Was kennzeichnet erfolgreiche Strategien? Dazu haben wir uns nach Antworten aus verschiedenen Perspektiven umgeschaut und stellen sie euch in zwei Teilen vor. Teil 1 ist in NL #50 erschienen.
Heinrich Strößenreuther: Klima-Aktivismus, aber richtig!
Mit seiner Kampagne „BaumEntscheid Berlin“ erreichte Heinrich Strößenreuther, dass Berlin 2025 ein „BäumePlus-Gesetz“ bekam. Wie war dieser Erfolg möglich? Wie kann die oft schweigende Mehrheit der Bevölkerung für mehr Klimaschutz und für Klima-Kampagnen gewonnen werden?
Es muss ein Thema gewählt werden, das emotional anspricht, einen Großteil der Bevölkerung betrifft und dessen Lösung eine konkrete Verbesserung der eigenen Situation verspricht. „Mehr Bäume“ und „weniger Hitzetote“ sind solche Themen, die auch Konservative ansprechen. Ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Kampagne ist zudem die Kommunikation: die Optik (eher konservatives Logo) und die Wortwahl (wenig konfrontativ). Die Wahl eines Themas zur Klimaanpassung – statt Klimaschutz – sieht Strößenreuther als „trojanisches Pferd“. Beim BaumEntscheid wird zwangsläufig auch übers Klima geredet. Hängen bleibt – egal ob Klimaanpassung oder CO2-Reduktion: Wir müssen mehr fürs Klima tun.
„Die Kommunikation wurde sorgfältig abgestimmt: keine ‚rot-grüne Folklore‘“.
Kritisch sieht Strößenreuther hingegen Blockadeaktionen: Sie sind kontraproduktiv, führen zu einer parteipolitischen Aufladung des Klimaschutzes. „Klimafanatiker“ wurde ein Kampfbegriff der Rechten. Aktionen, die auf Regelverletzungen bauen, spiegeln eher die Haltung einer Minderheit wider. Die Fridays hatten es vor Jahren geschafft, glaubwürdig im Sinne der Mehrheitsgesellschaft den Klimaschutz von der Politik einzufordern.
Harald Lesch: Ohnmachtsgefühle? – Beim Klima kann ich was machen!
Harald Lesch sieht bei etlichen politischen Akteuren offensichtlich einen großen Wirklichkeitsverlust, „aber das braucht uns ja nicht davon abzuhalten, das Richtige zu tun, solidarisch, subsidiär, gemeinwohlorientiert zu agieren.“ Die wichtigsten Ansatzpunkte sind für ihn Bürgerbeteiligungen – z. B. in Form von Energiegenossenschaften – und Aktivitäten zur Akzeptanzverbesserung von Klimaschutzmaßnahmen. Den Herausforderungen stehen wir, so Lesch, nicht ohnmächtig gegenüber: „Anders als beispielsweise beim Krieg gegen die Ukraine kann ich beim Klima was machen.“ Seine Richtschnur: „Was ist wahrscheinlich und was ist möglich? Die Möglichkeiten, das ist das, was mich wirklich interessiert.“
Aktivitäten für den Klimaschutz sind für Lesch nicht losgelöst von Gerechtigkeitsfragen. Erkenntnisse aus der Spieltheorie zeigen: „Nur dann, wenn alle am Tisch immer mal wieder gewinnen, geht das Spiel weiter. Wenn es immer weniger werden, die am Tisch gewinnen, ist das Spiel relativ schnell zu Ende.“ Das Spiel ist unsere demokratische Gesellschaft in Europa. Geht es zu Ende, kommt ein neues Spiel … „das können wir nicht wollen“.
Jonas Waack (taz): Klimaschutz oder Klimaanpassung?
Ist Klimaschutz over? Passen wir uns statt dessen an das Unvermeidliche an? Wir alle wissen, dass ohne effektiven Klimaschutz auch eine Klimaanpassung sehr schnell an ihre Grenzen stößt. Nackte Zahlen über die Entwicklung der Erderhitzung berühren nicht, Berichte über Flutopfer oder Flüchtende vor einem außer Kontrolle geratenen Waldbrand hingegen schon. Problematisch ist, dass immer mehr Menschen Klimaanpassung für wichtiger halten als Klimaschutz – ein Erfolg rechter Propaganda, aber auch begründet in der bei vielen schwindenden Hoffnung, dass die Erderhitzung gestoppt werden kann.
Dass die Menschen über Klimaanpassung nachdenken, kann aber auch als Chance verstanden werden. Wenn lokale Aktivist*innen die von einer Flutkatastrophe, von Dürre oder Hitze betroffenen Menschen für Anpassungsprojekte ins Boot holen, hätte man schon einen Fuß in der Tür für das nächste Klimaprojekt. Vor Ort entsteht ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, vielfältige Gruppen lernen sich kennen und vertrauen.
„Wer sich nach Flutkatastrophen alleingelassen fühlt, wendet sich leichter den extremen Rechten zu.“
In Großbritannien hat sich eine NGO gegründet, die Opfern von Flutkatastrophen helfen will. „Flooded People UK“ versucht, vor Ort Menschen zu vernetzen, um sich gegenseitig zu unterstützen, stellt Verbindungen zu Expert*innen her und unterstützt im Umgang mit Behörden und Versicherern. Flooded People hat viele kleine Protestinseln zusammengebracht, ihnen eine Stärke gegeben, mit der sie von der Regierung schnelle und verlässliche Hilfe einfordern können. Das stärkt auch die Demokratie, weil Menschen sich nicht hilflos und allein gelassen fühlen.
Wolfgang Schöllhammer,
Newsletter-Redaktion