1,5 Grad-Grenze gerissen - und nun?
Perspektiven für einen erfolgreichen Klima-Aktivismus - Teil 1
erschienen im Parents-Newsletter #50 (Juli 2026)
Wir strampeln uns ab, um an der Basis den Klimaschutz voranzubringen, um den zukünftigen Generationen einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen, und die da oben grätschen uns heftigst zwischen die Beine. Macht uns das ohnmächtig oder können wir trotz allem voller „aktiver“ Hoffnung sein? Welche Rolle kann die/der Einzelne im großen Räderwerk spielen? Wie können wir „von unten“ gesellschaftliche Prozesse in Gang setzen? Was kennzeichnet erfolgreiche Strategien? Dazu haben wir uns nach Antworten aus verschiedenen Perspektiven umgeschaut und stellen sie euch in zwei Teilen vor.
Maren Urner: Unser Gehirn findet Hoffnung großartig.
Firmenfeiern, Jahresbilanzen, Familienfeste … Wir bleiben unseren fossilen Gewohnheiten treu. „Was müsste passieren, damit wir es endlich anders machen?“, fragt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Vielleicht ein Perspektivwechsel: Was würde ich bereuen am Ende meines Lebens? Was brauche ich, um aufzuhören, Ausreden zu finden, um bedingungslos für einen lebensfreundlichen Kurs einzustehen? Hoffnung!
Jede gesellschaftliche Veränderung beginnt mit dem Wunsch und Willen nach Veränderung im Kopf mindestens eines Menschen. Und dieser Wunsch und Wille geht stets unweigerlich mit Hoffnung einher. Dabei ist „Hoffnung“ nicht passiv! Niemand wird kommen und alles richten. Hoffnung ist immer aktiv. Unser Gehirn findet Hoffnung großartig und kommt u. U. sogar in einen regelrechten Rauschzustand, weil unser neuronales Belohnungssystem anspringt.
„Nein! Es wird nicht jemand oder etwas kommen und alles richten. Hört endlich auf, zu warten und das auch noch Hoffnung zu nennen.“
Wir wollen Sinnvolles tun, wir wollen als sozial-emotionale Wesen mit anderen kollaborieren und dadurch immer wieder neue Ideen – also Hoffnungen – in die Realität umsetzen. Unser Gehirn und Dasein sind also darauf ausgelegt, gut zueinander zu sein. An Tagen voller Verzweiflung denkt Urner an die US-amerikanische Kulturanthropologin Margaret Mead: „Zweifelt niemals daran, dass eine kleine Gruppe umsichtiger und engagierter Menschen die Welt verändern kann. Tatsächlich ist es das Einzige, was sie jemals verändert hat.“
Henning Best: Was kann jede*r Einzelne überhaupt tun?
Henning Best, Umweltsoziologe, sieht vor allem die großen Unternehmen und die Politik in der Handlungspflicht. Die Politik müsse klimafreundliche Alternativen so gestalten, dass sie für den Einzelnen die monetär attraktivsten Möglichkeiten sind.
Doch wir „Einzelnen“ müssen dabei nicht resigniert zuschauen. Wir können mit kleinen Aktionen, wie Foodsharing, Altkleidersammlung oder die Unterstützung von Umweltschutz- und Entwicklungsprojekten, Aufmerksamkeit und Sensibilisierung schaffen. Zudem können sich Kooperationen zu Netzwerken ausbreiten und damit mehr erreichen. Das Wichtigste: Aufmerksamkeit für Klima- und Umweltschutz dürfe nicht schwinden. Die Wirkkette geht vom Einzelnen zur Gruppe zur Gesellschaft – der Handlungsdruck auf Politik und Konzerne müsse aufrechterhalten werden.
Wolfgang Schöllhammer,
Newsletter-Redaktion