Forschungsupdate 2026 von More in Common
Gesellschaftliche Perspektiven auf die Klimaschutzdebatte
erschienen im Parents-Newsletter #46 (Februar 2026)
Welchen Stellenwert hat Klimaschutz aktuell in der Bevölkerung? Erscheinen die angestoßenen Veränderungsprozesse durchdacht und gerecht? Sehen die Menschen, wo es hingehen soll? Die gemeinnützige Organisation More in Common beleuchtet diese Fragen in ihrem "Klima-Update 2026" und zeigt Wege auf, wie eine – auch in der Klimaschutzdebatte – wahrgenommene Spaltung der Gesellschaft überwunden werden kann und welche Rolle die Klimabewegung dabei spielt.
Dieser Beitrag basiert im Wesentlichen auf der Studie von More in Common und dem zugehörigen 30-minütigen Webinar.
Die 6 Bevölkerungssegmente von More in Common
More in Common engagiert sich für eine Gesellschaft, die in der Lage ist, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren, und die ihre Kompromiss- und Konfliktfähigkeit erhält. Seit 2019 begleitet sie auch die Klimaschutzdebatte mit Studien und Publikationen. Für ihre Analysen hat More in Common sechs Bevölkerungssegmente identifiziert, die jeweils unterschiedliche Perspektiven auf die Gesellschaft haben (Details siehe Studie S. 3):

Klimabewusstsein nach wie vor vorhanden
Klimawandel und Umwelt haben in der deutschen Bevölkerung weiterhin einen hohen Stellenwert. Sie sind allerdings in der Prioritätenliste ein Stück weit nach unten gerutscht. Verdrängt werden sie von Absicherungsthemen wie „Flüchtlinge“, „Wirtschaft“, „Wohnraum“, „Lebenshaltungskosten“, „Alterssicherung“, „Gesundheitssystem“ und „Bildung“. Doch weiterhin ist es den Menschen wichtig, dass für den Klimaschutz Dinge in unserem Land verändert werden und dass sich Menschen in Deutschland für mehr Klimaschutz einsetzen. Es gibt also weiterhin ein Mandat für mehr Klimaschutz, ein Mandat auch für die Klimabewegung.
Ein Gefühl der Überforderung
Was sind die Gründe dafür, dass trotz des Klimaschutzmandats der Stellenwert der Klimadebatte nachgelassen hat? Da ist zunächst ein weit verbreitetes Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung im Zusammenhang mit Klimathemen. Viele Menschen haben den Eindruck, dass die Probleme bei ihnen abgeladen werden, dass zu sehr auf individuelle Entscheidungen gesetzt wird:
„Wenn Klimaschutzmaßnahmen vorgeschlagen werden, geht es oft nur darum, worauf wir verzichten und was wir verlieren sollen.“
Zugleich besteht der Eindruck (das „Kooperationsdilemma“), dass man mit seinen Sorgen allein bleibt, dass sich andere nicht in gleichem Umfang für das Klima einsetzen. Das bezieht sich sowohl auf die Mitmenschen, aber auch auf große Akteure wie große Industrienationen, die Wirtschaft allgemein und die Bundesregierung.
Was fühlen Sie in der Regel, wenn Sie vom Klimawandel hören?
Bitte wählen Sie bis zu 3 Ihrer häufigsten Gefühle aus.

Zweifel an der Zukunftsfähigkeit
Ein weiterer Aspekt, der sich negativ auf die Klimadebatte auswirkt, ist die negative Wahrnehmung der deutschen Klimapolitik: Es fehlt die Zuversicht, dass sie gut durchdacht, zielführend und gerecht ist. Ein Symptom dafür ist der Wunsch vieler nach „Garantien zur langfristigen Entwicklung der Energiepreise“, was gar nicht unbedingt auf ein Einfrieren der Preise zielt:
„Ich weiß gar nicht, wo es hingehen soll. Ich hab gar keine Informationen, wann sich das alles lohnen soll. ... Ich seh immer die Steigerung von Jahr zu Jahr, aber niemand erklärt mir den Bogen.“
Gefragt sind Informationen, auf denen das eigene Handeln aufbauen kann.
Das ordnet sich ein in einen generellen Zweifel an der Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Deutschland soll ein besonders leistungsfähiges Land sein. Diesem Zielbild widersprechen jedoch die wahrgenommenen Schwächen in der Infrastruktur, der Wirtschaft allgemein, in den Sozialsystemen und auch in der Art, wie Politik gemacht wird. Viele Menschen haben die Befürchtung, dass sie ihren Lebensstandard nicht halten können.
Eine Lücke ist zu schließen
Es besteht eine Lücke zwischen dem Wunsch nach Veränderung – auch nach mehr politischen Klima-Anstrengungen – und dem Eindruck, dass das politische Handeln nicht zielführend und gerecht ist. Hier muss die Klimadebatte, hier müssen die Klimagruppen ansetzen. Wenig hilfreich sind Appelle an das Individuum, sich klimafreundlicher zu verhalten. Das mündet zu leicht in Lebensstildebatten, die zu einer Spaltung der Gesellschaft beitragen. Ein Großteil der Menschen ist bereit, ihren Beitrag zu leisten. Was fehlt ist der Eindruck eines gemeinsamen zielführenden Projekts.
Das Klimathema muss in den Vorschlägen der Klimabewegung systematisch mit dem massiven politischen Gestaltungsbedarf zusammengeführt werden, um daraus eine starke Geschichte zu machen: „Wie bringen wir unser Land – auch in einer klimafreundlichen Weise – wieder voran?“ Es muss klar werden, wo das Ziel liegt und welcher Weg dorthin führt. Dabei darf der Gerechtigkeitsaspekt nicht fehlen. Der eigene Einsatz für den Klimaschutz muss sich auch persönlich lohnen. „Klimapolitik ist immer auch Gerechtigkeitspolitik!“
Vertrauenskommunikatoren: Allianzen bilden?
Inwiefern vertrauen Sie den folgenden Personen und Organisationen, wenn es um Informationen rund um Klimawandel und Klimaschutz geht?

Protest und Engagement
Die Klimadebatte wird von Vielen als spaltend empfunden. Ursache ist zum einen, dass die Aufgabenteilung zwischen den Akteuren – zwischen Individuen und regulierendem Gemeinwesen – noch nicht ausgehandelt ist. Wenn zu sehr auf die individuelle Verantwortung fokussiert wird, fühlt sich der Einzelne exponiert und schaltet auf Abwehr. Auch die Protestformen der Klimabewegung haben offensichtlich zur Spaltung beigetragen. Insbesondere zur Hochzeit der „Klimakleber“ waren über 80 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass „die Klima- und Umweltbewegung in Deutschland häufig mit ihren Protestaktionen zu weit [geht]“. Inzwischen erfährt die Klimabewegung wieder eine ordentliche Zustimmung von rund 50 Prozent.
Die Klimabewegung ist nur ein möglicher Kommunikator für Klimathemen. Um mehr Wirkung zu erreichen sollte sie andere Akteure einbinden, insbesondere solche Personengruppen und Organisationen, die großes Vertrauen in der Bevölkerung genießen. Dies sind neben den Klimaforschenden auch Feuerwehrleute, Landwirt*innen(!), Naturschutzorganisationen, Ärzt*innen, Ingenieur*innen und Heizungsinstallateur*innen(!).
Fazit: Weniger auf individuelle Verantwortung fokussieren, Bündnisse mit anderen Akteuren suchen und vor allem Klarheit nicht nur über das Ziel („Vision“), sondern auch über den Weg dorthin und die Benefits herstellen!
Tipp: More in Common hat ihr Klima-Update 2026 in einem 30-minütigen Webinar sehr verständlich und aufschlussreich vorgestellt.
Wolfgang Schöllhammer, Newsletter-Redaktion