Das Erzgebirge - Natur querdurch
Chemnitz, 18.2.2026
Zum Auftakt einer regelmäßigen Veranstaltungsreihe im Chemnitzer Umweltzentrum ging es um das Erzgebirge und dessen besonders wertvolle natürliche Lebensräume mit seltenen und bedrohten Arten. Uli Schuster - ein ausgewiesener Experte des NABU - nahm die Teilnehmer auf eine Reise mit.
Am Anfang, also vor ca. 570 Millionen Jahren und ca. 4 Milliarden Jahre nach Entstehung der Erde, war das Erzgebirge auf dem Meeresgrund in der Nähe des Südpols. Der Planet hatte nur einen gewaltigen Kontinent - Rodinia. Noch heute findet man hier Huckel - Stromatylithen - die durch das Wirken von im Cyanobakterien auf dem Meeresgrund entstanden.

Die Bakterien produzieren seit 3 Milliarden Jahren Sauerstoff - und das Leben, wie wir es kennen konnte entstehen. Durch geologische Vorgänge in der Tiefe entstanden damals, vor etwa 485 Millionen Jahren, Marmor und Magnesiumansammlungen. Heute zu finden in Hammerunterwiesenthal. Dank der Naturpflege wächst dort eine seltene Enzianart.
Die Kontinente verschieben sich mit einem Tempo von ca. 1 cm pro Jahr - und so gelangte das Erzgebirge schließlich zum Äquator und schaute durch kontinentale Hebung vor 290 Millionen Jahren inzwischen aus dem Meer heraus: Tropischer Wald, Küste, Wüste. Zu dieser Zeit brach auf dem Gebiet des heutigen Chemnitz ein Vulkan aus. Der tropische Wald wurde begraben und birgt unzählige Versteinerungen der damaligen Lebewesen, etwa Riesenschachtelhalme, oder das älteste bekannte Wirbeltier. Zu besichtigen im Naturkundemuseum Chemnitz. Der Beutenberg ist der Kraterrest, gelegen im örtlichen Zeisigwald, einen sehr alten und unter Schutz stehenden Buchenbestand beherbergend. In Steinbrüchen wurde bis 1960 Porphyr abgebaut.
Die damaligen Kontinentverschiebungen ließen Pangäa entstehen, einen ähnlichen Riesenkontintent wie seinerzeit Rodinia. Die mit jenen Kontinentzusammenstößen entstandenen Gebirge nennt man "variszische Gebirgsbildung". Magma- und Gasaufstiege aus dem Erdinneren sorgten für Erzvorkommen wie Silber, Kupfer und Zinn - daher "Erzgebirge". Auf tschechischer Seite östlich von Oberwiesenthal befindet sich auf der steil abfallenden Seite des Erzgebirges hin zur Eger der Ort Medenec, wo bis in die 1970er Jahre Zinn und Kupfer abgebaut wurde. Es findet sich dort die Kupferberger Sphinx - eine Felsformation, die an das entsprechende Kunstwerk des Alten Ägyptens erinnert. Hier kommt der Wildapfelbaum vor, Grasmücken, die sehr seltene Äskulapnatter - das einzige Vorkommen im Erzgebirge. In der Eger schwimmt die Würfelnatter. Ein Naturfreund betreut dort ein sorgsam angelegtes Biotop, u.a. mit bedachten Schichtungen aus Sand, Pferdemist u.a. - dort fühlen sich verschiedene heimische Schlangenarten wohl.
Erst später, im Zuge der sogenannten "alpidischen Gebirgsbildung" entstanden durch den Zusammenstoß von Afrika und Europa die Alpen und mit ihnen das Erzgebirge, wie wir es heute kennen. Der Egergraben auf tschechischer Seite begrenzt das Erzgebirge nach Süden, Richtung Norden folgt auf das Erzgebirge das Sächsische Becken mit Rotliegendem (Lehm). Im Egergraben entstanden vor 30 Millionen Jahren aus der üppigen Vegetation Moore, Torf und Kohle. Letztere wird bis heute abgebaut und in tschechischen Kohlekraftwerken verbrannt.
In Bozi Dar kann man noch lebende Fossilien bewundern: Bestände mit Zwergbirken, einer Pionierpflanze, die nach dem Rückzug der letzten Eiszeitgletscher das Leben zurück brachte:

Im Moor bei Bozi Dar wächst der Torf ca. 1 mm pro Jahr. Auch der Birkenzeisig hat hier seine Heimat - früher war er noch in Chemnitz zu sehen.
Das Erzgebirge ist Heimat vieler Moore. Zu finden nicht nur im Naturschutzgebiet "FFH Erzgebirgsplateau" bei Bozi Dar, sondern auch im Vogelschutzgebiet "Erzgebirgskamm" bei Satzung, bei Johanngeorgenstadt, dem Naturschutzgebiet Seifen, und dem Georgenfelder Hochmoor mit seinen einzigartigen Wollgrasvorkommen. Der tschechische Naturpark Jeleni Bakassine, und die Fichtelbergwiese bei Oberwiesenthal sind Vogelschutzgebiete. Der Große und Kleine Kranichsee ist Brutgebiet für Birkhühner, Kraniche gibt es im Erzgebirge ca. 10 Paare.
Im Naturschutzgebiet Seifen wächst das schmalblättrige Wollgras - ein Anblick wie das wogende Meer. Durch Bergbauablagerungen ist der Boden belastet, weshalb keine Fichten, dafür aber Bärlappe wachsen. Und es fliegt der Hochmoorgelbling - ein seltener Falter.
Die Wolkensteiner Schweiz mit den Flüssen Zschopau und Flöha ist ein Naturparadies. An der Flöha sind Straußfarnbestände zu finden. Die Wasseramsel brütet in ihrem Nest hinter dem fallenden Wassern von Flusswehren. Dank sauberem Wasser ist die Blauflügelprachtlibelle zurück, und Fische werden von Schwarzstörchen gefressen. Durch vermehrte Mäusebestände haben Eulen eine gute Nahrungsgrundlage. Der Sperber, Wanderfalken, Turmfalken und auch Fledermäuse sind hier mit ihren Wochenstuben heimisch.

Vor der politischen Wende 1989/90 hatten die Eier der Greifvögel zu dünne oder überhaupt keine Schale - Ursache waren DDT und seine Abbauprodukte. Vor allem die Deponie "Weißer Weg" am Chemnitzer Beutenberg war ein DDT-Schwerpunkt.
Im Osterzgebirge liegt das Naturschutzgebiet um Oelsen. Bis in die 1950er Jahre kam der Ziesel vor. Bestände dieses Kleintieres gibt es noch in Tschechien, Neuansiedlungsversuche in Oelsen schlugen leider fehl, u.a. wegen der Raubvögel.

Bei den Hermannsdorfer Wiesen in Elterlein befindet sich der Schwarze Teich: ein riesiges Laichgebiet von Amphibien.
Das Gebiet von Oberwiesenthal mit Bergwiesen auf deutscher und tschechischer Seite bietet Jung und Alt die Möglichkeit für aktive Naturschutzarbeit: Seit 35 Jahren wird in Bergwiesencamps die notwendige jährliche Mahd durchgeführt, bei 20% Steigung ein gutes Stück Arbeit, aber auch Gemeinschaft stiftend. Viele der frühen Campteilnehmer sind der Naturarbeit auch in anderer Hinsicht über die Jahre treu geblieben

So schön verbliebene, geschützte Lebensräume im Erzgebirge sind, so stark ist die Natur unter Druck. Seit 1987 sind die Insektenbestände um 75% gesunken, u.a. wegen landwirtschaftlicher Stickstoffdüngung. Mann kann das mit einer Riesenpizza vergleichen, von der bislang 4 Menschen satt wurden, und die nur noch 1/4 so groß ist. Für insektenfressende Vögel ist das katastrophal.
Wirtschaftliche Erwägungen dominieren auch im Erzgebirge die natürlichen. Forstbetriebe fällen alte Buchenbestände für die Holzindustrie. Aufgrund unsinniger EU Subventionen kalken sie Waldböden und machen Myzel kaputt, obwohl der saure Regen der 1980er Jahre Geschichte ist. Landräte und Bürgermeister hören zwar Naturschutzverbände an, entschieden wird aber zugunsten der Wirtschaft - auf Kosten der Natur.
Menschen wie Uli Schuster und Umweltverbände wollen ein deutsch-tschechisches Biosphärenreservat Westerzgebirge ins Leben rufen. Leider scheitern diese Anläufe bisher am Unwillen der Landräte und der sächsischen Landesregierung.
Danke, lieber Uli Schuster für diese wertvollen Einblicke in die Erzgebirgsnatur, und dein unermüdliches Wirken für das, was wirklich zählt.